Gefühle als Kompass

Heute bekam ich eine Nachricht von einer Mama, die in mir etwas ausgelöst hat.
Der Ton war unfreundlich und ich merkte sofort: Da passiert gerade etwas in mir.
Ich war frustriert. Vielleicht auch ein bisschen verletzt.
Und weil ich als Erwachsene inzwischen gelernt habe, meine Emotionen wahrzunehmen, konnte ich irgendwann einen Schritt zurücktreten und mich fragen:
Was brauche ich gerade?
Ich weiß mittlerweile, was mir hilft.
Ich gehe zum Beispiel mit dem Hund spazieren. Ich bewege mich, bekomme Abstand und merke nach einer Weile, wie die Emotion langsam an Intensität verliert und mein erwachsenes Ich wieder das Ruder übernimmt.
Doch genau darin liegt der Unterschied:
Ich habe Strategien gelernt.
Unsere Kinder haben diese Strategien oft noch nicht.
Gefühle sind nicht „gut“ oder „schlecht“
Wenn wir Menschen fragen:
„Wie geht es dir?“
kommt sehr oft die Antwort:
„Gut.“
Oder:
„Nicht so gut.“
Aber „gut“ und „nicht gut“ sind keine Gefühle.
Sie sagen nur etwas darüber aus, wie sich ein Gefühl für uns anfühlt.
Vielleicht fühlen wir uns gerade fröhlich, stolz oder erleichtert.
Vielleicht sind wir wütend, traurig, enttäuscht, nervös oder frustriert.
Und genau das zu erkennen, ist gar nicht so selbstverständlich.
Kinder müssen erst lernen:
Was fühle ich eigentlich gerade?
Denn nur wenn ich mein Gefühl wahrnehmen und benennen kann, kann ich auch lernen, damit umzugehen.
Gefühle sind wie ein Kompass
Für mich sind Gefühle ein bisschen wie ein innerer Kompass.
Sie zeigen uns, wo wir gerade stehen.
Sie geben uns Hinweise darauf, ob ein Bedürfnis erfüllt ist oder ob uns etwas fehlt.
Wut kann mir zeigen, dass eine Grenze überschritten wurde.
Traurigkeit kann mir zeigen, dass ich etwas verloren habe oder mir Nähe wünsche.
Angst kann mir sagen, dass ich mich unsicher fühle.
Freude zeigt mir vielleicht:
Hier ist gerade etwas, das mir guttut.
Gefühle sind deshalb nicht das Problem.
Sie sind Informationen.
Die entscheidende Frage ist:
Was mache ich mit ihnen?
Und genau das möchte ich Kindern vermitteln.
Deshalb beginnt unser Morgen mit dem Gefühlsbarometer
Das Gefühlsbarometer gehört zur ersten Säule von Projekt Herzschlau:
„Ich bin ein Schatz. Du bist ein Schatz. Und auf Schätze passt man auf – in guten wie in schlechten Zeiten.“
Jeden Morgen sitzen wir gemeinsam im Kreis.
Und jedes Kind darf einen Moment in sich hineinspüren:
Welches Gefühl ist gerade da? Kann ich es benennen?
Vielleicht bin ich müde.
Vielleicht aufgeregt.
Vielleicht freue ich mich auf etwas.
Vielleicht hatte ich zu Hause einen schwierigen Morgen und bin noch wütend.
Es geht dabei nicht darum, dass jedes Kind sein Innerstes vor der ganzen Klasse ausbreiten muss.
Es geht darum, überhaupt erst einmal wahrzunehmen:
Da ist gerade ein Gefühl in mir.
Und ich darf es benennen.
Das Gefühl des Tages
Zusätzlich gibt es immer wieder ein Gefühl des Tages.
Wir nehmen uns ein Gefühl genauer vor.
Was bedeutet eigentlich „enttäuscht“?
Warst du schon einmal stolz?
Wo spürst du Wut in deinem Körper?
Was machst du, wenn du nervös bist?
Kennst du eine Situation, in der du dich einsam gefühlt hast?
Gerade diese Gespräche sind oft unglaublich berührend.
Denn plötzlich erzählen Kinder von Situationen, von denen man sonst vielleicht nie erfahren hätte.
Und genauso wichtig:
Sie hören einander zu.
Ein Kind merkt:
Ah, du kennst dieses Gefühl auch.
Ein anderes stellt fest:
Bei dir fühlt sich Wut ganz anders an als bei mir.
Und langsam wächst nicht nur die eigene Gefühlswahrnehmung.
Es wächst auch das Verständnis füreinander.
Was passiert, wenn Kinder ihre Gefühle nicht benennen können?
Ein Kind, das nicht weiß, dass es gerade gekränkt ist, sagt vielleicht:
„Du bist blöd!“
Oder noch schlimmer:
"F... deine Mutter!"
Hinter einem Verhalten steckt häufig mehr, als wir auf den ersten Blick sehen.
Wenn Kinder lernen, ihr Gefühl wahrzunehmen und zu benennen, entsteht ein kleiner Moment zwischen Gefühl und Reaktion.
Und genau in diesem Moment liegt eine riesige Chance.
Denn dann kann aus
„Ich haue.“
irgendwann werden:
„Ich bin gerade richtig wütend.“
Das passiert natürlich nicht nach einem einzigen Gespräch.
Es braucht Wiederholung.
Immer wieder.
Unser eigenes Gefühlsbarometer
Am Ende unseres großen Themas „Gefühle“ basteln wir ein eigenes Gefühlsbarometer.
Dafür braucht es gar nicht viel:
einen einfachen bunten Pappteller,
Klebepunkte mit verschiedenen Gesichtsausdrücken
und einen Pfeil, der mit einer Klammer in der Mitte befestigt wird.
Die Gefühle werden wie auf einer Uhr rund um den Teller angeordnet.
Der Pfeil kann dann auf das Gefühl zeigen, das gerade am stärksten da ist.
Ein ganz einfaches Material.
Aber eines, das Kindern hilft, etwas Unsichtbares sichtbar zu machen.
Gefühle müssen geübt werden
Wir erwarten von Kindern oft, dass sie mit ihren Gefühlen „vernünftig“ umgehen.
Dass sie ruhig bleiben.
Dass sie Konflikte lösen.
Dass sie nicht sofort explodieren.
Dass sie sagen, was sie brauchen.
Doch all das setzt etwas voraus:
Sie müssen ihre Gefühle überhaupt erst erkennen können.
Das ist eine Fähigkeit.
Und Fähigkeiten entstehen durch Übung.
Deshalb ist die Arbeit mit Gefühlen für mich kein Zusatzprogramm, das ich mache, wenn einmal Zeit übrig ist.
Sie gehört zum Schulalltag.
Jeden Tag ein kleines bisschen.
Denn Kinder, die sich selbst besser verstehen, können auch andere besser verstehen.
Und vielleicht ist genau das einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg zu einer starken Klassengemeinschaft:
zu lernen,
Was passiert gerade in mir?
Was brauche ich?
und
Wie kann ich mit meinem Gefühl umgehen, ohne mich selbst oder andere zu verletzen?
Denn Gefühle begleiten uns ein Leben lang. Je früher Kinder lernen, sie zu verstehen, desto sicherer können sie mit sich selbst und mit anderen umgehen.
Wie arbeitest du mit Gefühlen in deiner Klasse? Welche Rituale oder Ideen haben sich bei dir bewährt? Schreib mir gerne – ich freue mich auf den Austausch mit dir.
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