So starte ich in die erste Schulwoche
Eine neue Klasse ist für mich immer etwas Besonderes.
Jedes Kind bringt seine eigene Geschichte mit, seine Gewohnheiten, seine Stärken, seine Unsicherheiten und seine bisherigen Erfahrungen mit Schule und Gemeinschaft.
Und jedes Kind versucht in einer neuen Klasse, seinen Platz zu finden.
Genau deshalb beginne ich nicht damit, möglichst schnell möglichst viel Stoff zu schaffen, oder möglichst schnell herauszufinden, wo jedes einzelne Kind leistungsmäßig gerade steht.
Ich beginne damit, Gemeinschaft aufzubauen.

Der erste Schultag beginnt mit einem Lieblingstier
Am ersten Schultag bekommen meine Kinder eine ganz einfache Hausaufgabe.
In ihr neues SU-Heft dürfen sie ihr Lieblingstier zeichnen und zwei Sätze dazu schreiben:
Mein Lieblingstier ist …Ich mag es, weil …
Das klingt zunächst unspektakulär.
Doch genau daraus entsteht unser erstes gemeinsames Thema.
Wir betrachten die Tiere und stellen fest:
Ein Löwe ist stark. Ein Adler sieht die kleinsten Dinge aus großer Entfernung. Eine Schildkröte kann gut schwimmen. Eine Schnecke kann sich jederzeit zurückziehen. Eine Katze ist unabhängig.
Jedes Tier hat andere Eigenschaften. Andere Stärken.
Und genau so ist es auch bei uns Menschen.
Nicht jeder muss dasselbe gut können, aber jeder bringt etwas Eigenes mit, das unsere Gemeinschaft bereichern kann.
„Ich bin ein Schatz“
Von dort aus leite ich zu einem Gedanken über, der uns durch das gesamte Schuljahr begleitet:
Ich bin ein Schatz.
Und daraus entsteht unser Klassenspruch:
Ich bin ein Schatz. Du bist ein Schatz. Und auf Schätze passt man auf –in guten wie in schlechten Zeiten.
Dieser Satz ist für mich viel mehr als ein schöner Spruch an der Wand.
Er wird zu einer Haltung.
Wenn ich ein Schatz bin, darf ich auf mich selbst achten.
Wenn du ein Schatz bist, gehe ich achtsam mit dir um.
Und wenn wir alle Schätze sind, dann tragen wir auch Verantwortung dafür, wie wir miteinander umgehen.
Die ersten Wochen sind reserviert
Die Zeit vom Schulbeginn bis zu den Herbstferien ist bei mir im Sachunterricht ganz bewusst für die Gemeinschaftsbildung reserviert.
Wir lernen einander kennen.
Wir sprechen darüber, was wir brauchen, um uns in der Klasse wohlzufühlen.
Wir erarbeiten unsere Abmachungen für eine funktionierende Klassengemeinschaft.
Wir überlegen gemeinsam:
Was bedeutet es eigentlich, aufeinander aufzupassen?
Investiere in Gemeinschaft!
Diese Zeit ist eine Investition in alles, was danach kommt.
Denn Kinder können besser lernen, wenn sie sich sicher fühlen.
Und eine Klasse kann besser zusammenarbeiten, wenn die Grundlagen dafür gemeinsam geschaffen wurden.
Gemeinschaft braucht Wiederholung
Natürlich reicht es nicht, diese Dinge einmal im September zu besprechen.
Gemeinschaft entsteht nicht durch ein einziges Projekt.
Die Gedanken, Rituale und Abmachungen müssen immer wieder aufgegriffen werden.
Genau hier setzt das Projekt Herzschlau an.
Das Jahresprogramm begleitet die Klasse Schritt für Schritt durch das Schuljahr und verbindet Gemeinschaftsbildung, Gefühle, Selbstwert, Konfliktkompetenz und einen wertschätzenden Umgang miteinander.
Der genaue Aufbau, die Reihenfolge und die praktische Umsetzung sind Bestandteil meines Onlinekurses „Projekt Herzschlau – das Jahresprogramm“.
Was passiert, wenn eine ganze Schule an einem Strang zieht?
Besonders wichtig ist mir dabei ein Gedanke:
Was verändert sich, wenn nicht nur eine einzelne Lehrperson diese Haltung lebt?
Was passiert, wenn Kinder dieselben Grundgedanken in unterschiedlichen Klassen immer wieder erleben?
Wenn gemeinsame Begriffe verwendet werden?
Wenn ähnliche Konfliktstrategien bekannt sind?
Wenn Wertschätzung nicht von einer einzelnen Lehrperson abhängt, sondern Teil der Schulkultur wird?
Genau deshalb gibt es für das Projekt Herzschlau auch eine Schullizenz.
Denn wenn Lehrpersonen gemeinsam an einem Strang ziehen, kann etwas Großes entstehen.
Dann wächst nicht nur eine starke Klassengemeinschaft.
Dann kann nach und nach eine starke Schulgemeinschaft entstehen.
Und manchmal beginnt all das ganz klein:
mit einem neuen Heft,
einem gezeichneten Lieblingstier
und dem Gedanken:
Ich bin ein Schatz. Du bist ein Schatz. Und auf Schätze passt man auf.
Tschüssle!
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