Was mich meine letzte Klasse gelehrt hat
- 30. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Vor zwei Jahren übernahm ich eine neue Klasse.
23 Kinder aus drei verschiedenen zweiten Klassen kamen plötzlich in einer Gruppe zusammen. Sie kannten unterschiedliche Regeln, unterschiedliche Abläufe und unterschiedliche Erwartungen.
Der Anfang war chaotisch.
Es war laut, unruhig und unstrukturiert. An manchen Tagen fragte ich mich ernsthaft:
Wie soll ich das zwei Jahre lang schaffen?

Jeder suchte seinen Platz
Mit der Zeit verstand ich, was hinter diesem Chaos steckte.
Jedes Kind versuchte, seine Position in der neuen Klasse zu finden.
Da war der Anführer,
der mich immer wieder austestete und genau wissen wollte, wie weit er gehen konnte. Der immer wieder sicher gehen musste, dass er eine Führungsposition in der Klasse innehatte.
Da war unser „Balu der Bär“
gutmütig und sensibel. Zu Beginn wurde er häufig geärgert, weil es ihm schwerfiel, sich zu wehren. Wenn es ihm schließlich zu viel wurde, reagierte er mit den wildesten Schimpfwörtern. Das machte ihn zu Beginn zum Außenseiter.
Da war das Supergirl,
dem es wichtig war, auch in dieser neuen Gruppe die Beste und Schlaueste zu sein.
Und da war der stille Junge,
der zu Beginn des Schuljahres von Kindern außerhalb unserer Klasse gemobbt wurde. Er sagte lange nichts, bis die Situation schließlich eskalierte.
Ich hatte 23 einzigartige Persönlichkeiten vor mir.
23 Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Erfahrungen, Stärken und Verletzlichkeiten.
Und alle suchten ihren Platz in dieser neuen Gemeinschaft.
Mein Ziel war klar
Ich wollte aus diesem wilden Haufen eine Gemeinschaft machen.
Also begann ich, all das anzuwenden, was ich in den Jahren zuvor gelernt und erprobt hatte.
Nicht einmal.
Nicht gelegentlich.
Sondern immer wieder.
Wir arbeiteten täglich mit dem Gefühlebarometer.
Wir führten täglich den Lobekreis durch.
Wir nahmen uns Zeit für Konfliktgespräche und arbeiteten mit den Säulen von
Projekt Herzschlau.
Dabei ging es nicht um große, spektakuläre Aktionen.
Es ging um Wiederholung.
Darum, Gefühle wahrzunehmen und zu benennen.
Darum, einander zuzuhören.
Darum, Beleidigungen richtig einzuordnen, damit sie nicht weh tun.
Darum, Konflikte nicht einfach abzubrechen, sondern gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Darum, einen Methodenkoffer zu entwickeln,
und darum, den Blick immer wieder auf das zu richten, was bereits gut funktionierte.
Die Veränderung kam leise
Lange Zeit war die Veränderung kaum sichtbar.
Es gab weiterhin Streit.
Es gab schwierige Tage, Rückschritte und Situationen, in denen ich mich fragte, ob unsere Arbeit überhaupt etwas bewirkte.
Doch langsam bemerkten meine Assistenzlehrkraft und ich eine Veränderung.
Sie kam nicht plötzlich.
Sie war leise.
Die Kinder begannen, einander besser zu verstehen. Sie übernahmen Verantwortung, standen füreinander ein und fanden immer häufiger eigene Lösungen.
Irgendwann wussten wir:
Das ist kein Wunschdenken mehr. Das ist eine Tatsache.
Diese Klasse wuchs langsam zu einem Team zusammen.
Zu einer Gemeinschaft, die gemeinsam durch dick und dünn ging.
Jedes Kind blieb besonders. Niemand musste gleich sein oder sich verbiegen. Und trotzdem gehörten alle zusammen.
Jeder in der Klasse ist mein Freund
Ein Mädchen brachte es eines Tages mit einem einzigen Satz auf den Punkt:
„Ich habe das Gefühl, jeder in der Klasse ist mein Freund.“
Dieser Satz hat mich tief berührt.
Nicht, weil es in unserer Klasse nie wieder Konflikte gegeben hätte.
Sondern weil die Kinder erfahren hatten, dass Gemeinschaft nicht bedeutet, immer einer Meinung zu sein.
Gemeinschaft bedeutet, sich trotz Unterschieden verbunden zu fühlen.
Es bedeutet, streiten zu dürfen und trotzdem wieder aufeinander zuzugehen.
Es bedeutet, seinen eigenen Platz zu finden, ohne einem anderen seinen Platz wegzunehmen.
Was mir diese Klasse gezeigt hat
Am Ende der zwei Jahre war der Abschied besonders emotional.
Meine erste Herzschlau-Klasse verabschiedete sich von mir.
Und während ich diese Kinder betrachtete, wurde mir bewusst, wie weit wir gekommen waren.
Aus 23 Einzelkämpfern war eine Gemeinschaft geworden.
Nicht zufällig, sondern bewusst und geführt.
Diese Klasse hat mich gelehrt, dass Veränderung Zeit braucht.
Dass sie sich nicht erzwingen lässt.
Und dass wir ihre Wirkung manchmal erst erkennen, wenn wir lange genug drangeblieben sind.
Eine starke Gemeinschaft entsteht nicht an einem einzigen Projekttag.
Sie entsteht in vielen kleinen Momenten.
Durch klare Strukturen.
Durch Gespräche.
Durch Konflikte, die als Lernchancen genutzt werden.
Und vor allem durch die tägliche Entscheidung, einander nicht aufzugeben.
Tschüssle!
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