Warum ich geblieben bin – Der Beginn meiner Herzschlau-Reise
- 1. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Die Entscheidung, wieder in den Lehrberuf einzusteigen, hatte einen ziemlich einfachen Grund: Ich musste plötzlich auf eigenen Beinen stehen und brauchte Geld. Doch warum ich heute, sechs Jahre später, voller Begeisterung einen Blog schreibe, Lehrer fortbilde und einen Onlinekurs entwickelt habe, davon möchte ich dir heute erzählen!

" Es gibt eine Schule in Dornbirn, die sucht immer Lehrpersonen",
hieß es, als ich damals bei der Bildungsdirektion anrief. Und genau an dieser Schule begann im März vor 6 Jahren meine "Herzschlau - Reise".
Allerdings fühlte sich der Anfang alles andere als eine Herzensreise an.
Bereits nach 3 Wochen wollte ich bereits um Versetzung ansuchen.
Warum?
Ich war schockiert darüber, wie manche Kinder auf dem Pausenhof miteinander umgingen. Wegen Kleinigkeiten wurde beleidigt, geschubst oder geschlagen. Auch die Sprache, die bereits sechs- bis zehnjährige Kinder verwendeten, erschreckte mich.
Doch nicht nur der raue Umgang miteinander bestürzte mich.
Ich bemerkte auch, wie wenige Möglichkeiten viele Kinder kannten, mit Beleidigungen, Konflikten oder unangenehmen Situationen umzugehen.
Es fehlten ihnen Strategien, um Grenzen zu setzen, Gefühle auszudrücken, Streit zu lösen oder nach schwierigen Erlebnissen wieder in ihre innere Balance zu finden.
Kurz gesagt: Ihnen fehlten bessere Handlungsoptionen.
Der Versetzungsantrag lag schon auf meinem Schreibtisch.
Ich war überfordert und enttäuscht.
Da begegnete mir ein Satz, der meine Sichtweise grundlegend veränderte:
"Jeder Mensch handelt nach seiner besten Option.
Hätte er eine bessere, würde er anders handeln."
Dieser Gedanke traf mich mitten ins Herz.
Mir wurde klar, dass Wegschauen und Flüchten nicht meine besten Optionen sein sollten.
Auf der anderen Seite brauchten auch diese Kinder bessere Optionen, um wertschätzender und konfliktkompetenter miteinander umzugehen und Sozialkompetenzen für ihr weiteres Leben zu entwickeln.
Ich begann, nach Lösungen zu suchen.
Also blieb ich.
Ich begann, mich intensiv fortzubilden, und setzte die neu gewonnenen Erkenntnisse Schritt für Schritt in meiner Klasse um.
Ich beschäftigte mich mit Resilienz, Konfliktkompetenz, emotionaler Selbstregulation und wertschätzender Kommunikation.
Ich entwickelte Übungen, probierte Methoden aus, beobachtete ihre Wirkung und passte sie an den Schulalltag an.
Nicht alles funktionierte sofort. Aber nach und nach veränderte sich etwas.
Kinder lernten, ihre Gefühle besser zu benennen. Sie fanden neue Worte für ihre Bedürfnisse. Sie erkannten, dass sie in Konflikten wählen konnten, wie sie reagierten. Sie übernahmen zunehmend Verantwortung für ihr Handeln und entwickelten neue Möglichkeiten, miteinander umzugehen.
Und auch ich veränderte mich.
Aus meiner anfänglichen Überforderung wurde Neugier. Aus dem Wunsch zu flüchten wurde der Wunsch, etwas zu bewegen.
Aus einer Herausforderung wurde eine Herzensaufgabe.
Heute schreibe ich einen Blog, bilde Lehrpersonen fort und habe zwei E-Praxisbücher veröffentlicht.
Außerdem stehe ich kurz vor der Veröffentlichung meines Onlinekurses:
Projekt Herzschlau - das Jahresprogramm
Dass aus einer schwierigen Anfangszeit all das entstanden ist, hat einen einfachen Grund:
Dieses Thema brennt überall unter den Fingernägeln.
Kinder brauchen nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen. Sie brauchen ebenso die Fähigkeit, mit Gefühlen, Konflikten, Enttäuschungen und schwierigen Situationen umzugehen.
Sie brauchen soziale und emotionale Kompetenzen, die sie ein Leben lang begleiten.
Und sie brauchen Erwachsene, die bereit sind, ihnen bessere Optionen zu zeigen.
Vielleicht beginnt Veränderung genau dort.
Heute bin ich dankbar, dass ich den Versetzungsantrag damals nicht abgeschickt habe.
Denn manchmal beginnt eine Herzensaufgabe nicht mit Begeisterung.
Manchmal beginnt sie mit Überforderung, Zweifel und dem starken Wunsch, davonzulaufen.
Doch genau dort kann auch Veränderung entstehen: in dem Moment, in dem wir uns entscheiden, nicht wegzuschauen, sondern nach einer besseren Option zu suchen.
Für uns selbst, und für die Kinder, die uns anvertraut sind.
Tschüssle!
_edited.png)

