Was du über Wut wissen solltest

Kennst du die Situation?
Ein Kind ist völlig außer sich. Es schreit, schimpft, wirft vielleicht etwas durch die Klasse oder reagiert auf eine Kleinigkeit unverhältnismäßig heftig.
Und wir Erwachsenen versuchen in diesem Moment zu erklären:
„Jetzt beruhig dich!“
„Denk doch einmal nach.“
„So kannst du dich nicht verhalten.“
Doch nichts scheint zu fruchten. Und das hat einen Grund.
Was bei starker Wut im Gehirn passiert
Wut ist zunächst einmal eine ganz normale menschliche Emotion.
Sie entsteht häufig dann, wenn wir uns bedroht, ungerecht behandelt, verletzt oder in unseren Grenzen überschritten fühlen.
Für Wut und starke Erregung spielen unter anderem Strukturen wie die Amygdala (Krokodilhirn) eine wichtige Rolle. Vereinfacht gesagt ist die Amygdala an der schnellen Bewertung emotional bedeutsamer Reize beteiligt, während präfrontale Bereiche (Eulenhirn) unter anderem für Impulskontrolle, Abwägen, Planung und Regulation wichtig sind.
Steigt die emotionale Erregung stark an, verändert sich dieses Zusammenspiel.
Die Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf das, was gerade als Bedrohung oder Provokation wahrgenommen wird. Impulsive Reaktionen werden wahrscheinlicher und Fähigkeiten wie Abwägen, Perspektivwechsel und vernünftiges Problemlösen stehen weniger zuverlässig zur Verfügung.
Und genau deshalb erleben wir manchmal ein Kind, von dem wir eigentlich wissen:
Es könnte es besser.
Aber in diesem Moment kann es auf dieses Wissen kaum zugreifen.
Nicht nur Kinder kennen das
Das ist übrigens kein Kinderproblem.
Auch wir Erwachsenen kennen Situationen, in denen wir im Affekt etwas sagen und uns zehn Minuten später fragen:
"Warum habe ich das jetzt gesagt?"
Wir hatten unser Wissen nicht plötzlich verloren.
Aber unsere Fähigkeit, ruhig abzuwägen und angemessen zu reagieren, war in diesem Moment eingeschränkt.
Bei Kindern kommt hinzu, dass sich Fähigkeiten zur Selbstregulation und Impulskontrolle noch entwickeln. Ihr Eulenhirn befindet sich im Wachstum, während das Krokodilhirn von Geburt an schon gut funktioniert!
Was wir bei ihnen manchmal als „Der weiß doch ganz genau, dass er das nicht darf!“ erleben, ist deshalb nur ein Teil der Wahrheit. Ja, das Kind weiß es vielleicht.
Die entscheidende Frage lautet aber:
Kann es in diesem Moment auf dieses Wissen zugreifen?
Warum ich Kindern von Eule und Krokodil erzähle
Um diese komplizierten Abläufe für Kinder verständlich zu machen, arbeite ich mit einem stark vereinfachten Bild:
Dem Eulenhirn, das für Nachdenken, Planen und gute Entscheidungen steht.
Dem Gefühlehirn, das uns hilft wahrzunehmen, was gerade in uns passiert.
Und dem Krokodilhirn, das sehr schnell auf vermeintliche Gefahr reagiert und uns schützen möchte.
Wissenschaftlich betrachtet sind das natürlich keine drei voneinander getrennten Gehirne. Emotion und Denken sind viel enger miteinander verbunden, als dieses Modell vermuten lässt.
Als Bild für Kinder finde ich Eule, Herz und Krokodil trotzdem sehr hilfreich.
Denn ein Kind versteht schnell:
Wenn mein Krokodil Alarm schlägt, kann meine Eule gerade nicht besonders gut nachdenken.
Und plötzlich bekommt das eigene Verhalten eine Erklärung.
Keine Entschuldigung.
Aber eine Erklärung.
Dieser Unterschied ist entscheidend
Wenn Kinder verstehen, was bei starker Wut passiert, verändert sich nicht nur der Blick auf die eigene Reaktion, sondern auch auf die des Gegenübers.
Dann wird aus:
„Der macht das extra!“
vielleicht:
„Er ist gerade so wütend, dass er nicht gut nachdenken kann.“
Und aus dem schnellen Zurückschlagen, Zurückschimpfen oder Bewerten kann langsam etwas anderes entstehen:
Verständnis, und die Möglichkeit, anders zu reagieren.
Denn wer versteht, was Wut mit uns macht, kann leichter unterscheiden zwischen dem Menschen und seinem Verhalten in diesem Moment.
Genau diese Zusammenhänge sorgen übrigens auch in meinem Onlinekurs Projekt Herzschlau immer wieder für ein großes Aha-Erlebnis.
Denn wenn wir Lehrpersonen verstehen, was im Gehirn bei starker emotionaler Erregung passiert, können wir viele Situationen im Klassenzimmer plötzlich anders einordnen und auch den Kindern erklären.
Ich bin vollkommen davon überzeugt, dass Kinder dieses Wissen bereits in ihrem jungen Alter verstehen und anwenden können, wenn wir ihnen diese Inhalte kindgerecht vermitteln und immer wieder im täglichen Schulalltag anwenden.
Kindergehirne sind wie ein Schwamm! Sie saugen alles auf! Helfen wir ihnen, das richtige aufzusaugen! Bist du dabei?
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